Vergleich der medizinischen Versorgungslage in Entwicklungs- und Industrieländern

kritische Analyse von ...

Das Projekt PV100 wurde von Univ. Prof. Dr.-Ing. Dr. med. Dr. h. c. Steffen Leonhardt mit initiiert und im Rahmen der Veranstaltung „Technik und Gesellschaft – Die RWTH und Corona vorgestellt“. Bei dem Projekt PV1000 handelt es sich um die Konzeptionierung, Entwicklung und Implementierung eines Beatmungsgerätes. Beatmungsgeräte wurden im Rahmen der Corona- Pandemie zu entscheidenden Elementen der medizinischen Versorgung von Intensivpatienten mit Lungenerkrankungen, wie COVID-19. Da sich schon früh ein Mangel solcher Beatmungsgeräte aufgrund des hohen Aufkommens an zu beatmenden Patienten einstellte, entschied sich das Team dazu ein einfaches und robustes sowie kosteneffizient produzierbares Gerät zu entwickeln. Dabei waren besonders die Entwicklungen in Bergamo (Italien), wo es zu einem Kollaps des Gesundheitssystems kam, ausschlaggebend.

In der folgenden Analyse soll die medizinische Versorgungslage von Entwicklungsländern im Rahmen der Covid-19 Pandemie näher beleuchtet werden und mit der Situation in den Industrieländern verglichen werden. Damit soll die Diskussion aus der Vorlesung aufgenommen und an dieser Stelle weiter vertieft werden. Dazu wird anhand von konkreten Daten die Versorgungssituation mit Ventilatoren und anderen medizinischen Versorgungsgütern auf dem afrikanischen Kontinent dargestellt. Außerdem werden die sozio-ökonomischen Effekte der Pandemie in vier afrikanischen Ländern näher beleuchtet.

 

Die globale Bedrohung durch die Covid-19 Pandemie stellt Gesellschaften und Regierungen vor enorme Herausforderungen, mit weltweit mehr als 146 Millionen bestätigten Infektionen und über 3 Millionen Todesfällen.[1] Viele Regierung haben zur Eindämmung der Pandemie strikte Maßnahmen eingeführt, um Infektionsketten zu brechen und eine Überlastung der Krankenhäuser zu vermeiden. Dazu zählen u.a. Schulschließungen, Reisebeschränkungen, Quarantäne und die Schließung von Geschäften. Diese Maßnahmen hatten in empirischen Untersuchungen einen signifikanten Effekt zur Reduzierung des Infektionsgeschehens.[2] Obwohl dieser Effekt je nach Maßnahmenpaket regional unterschiedlich stark ausfiel, ließen sich durch die Einschränkungen insgesamt messbare Vorteile für die Gesundheitsversorgung nachweisen (ebd.).        

Die Covid-19 Pandemie hat die größte globale Rezession seit Ende des zweiten Weltkrieges zur Folge, mit erwarteten langanhaltenden negativen Folgen auf die soziale und ökonomische Entwicklung inklusive des Pro-Kopf Einkommens.[3] Infolgedessen könnte nach Schätzungen der Weltbank die Zahl der in Armut lebenden Menschen weltweit bis Ende 2021 im Vergleich zu den Trends vor der Pandemie um schätzungsweise mehr als hundert Millionen ansteigen, was mehrere Jahre der Armutsbekämpfung rückgängig machen würde (ebd.).

Jüngste Erkenntnisse zeigen, dass in einkommensschwachen Ländern mit ihren begrenzten Kapazitäten im Gesundheitswesen ein vergleichbar bis höheres Infektions- und Sterblichkeitsrisiko vorliegt als in Ländern mit höherem Einkommen.[4] Ein Grund für die verhältnismäßig niedrigen Prävalenzen und Sterblichkeitsraten auf dem afrikanischen Kontinent, mit über 3,2 Millionen Infizierten und 81.870 Todesfällen in Zusammenhang mit COVID-19,[5] könnte die relativ junge Bevölkerung sein, welche eine geringere Wahrscheinlichkeit für einen schweren Verlauf einer Covid-19 Infektion aufweist.[6]

Auf der anderen Seite kann dieser Vorteil durch die begrenzte Kapazität der Gesundheitssysteme und einen engeren Kontakt der Generationen, durch das Zusammenleben mehrerer Generationen auf engem Raum, weitgehend zunichte gemacht werden.[7] Zudem können Vermeidungsstrategien und Kontakteinschränkungen nur die Übertragung des Virus verlangsamen, die Verbreitung aber nicht gänzlich unterbrechen (ebd.). Dies kann besonders in Ländern mit geringem Einkommen und schlechter Gesundheitsvorsorge schnell zu einer Überforderung der Gesundheitssysteme mit einem erheblichen Anstieg der Todeszahlen führen (ebd.). Ein anderer Grund für die moderaten Infektionszahlen könnten niedrige Testraten sein, die das wahre Ausmaß der Infektionen verdecken könnten.[8] In Afrika wurden mit etwa 685 Tests pro eine Million Menschen nur ein Bruchteil von COVID-19 Testungen durchgeführt, im Vergleich zu den knapp 23.000 Tests pro eine Million Menschen in den europäischen Ländern (ebd.). Auf dem gesamten afrikanischen Kontinent gibt es zudem weniger als ein Intensivpflege-Bett und ein Beatmungsgerät pro 100.000 Einwohner (ebd.). Zum Vergleich kommen in Deutschland 33,9 Intensivbetten auf 100.000 Einwohner.[9]

Zu beachten ist jedoch, dass selbst in höher entwickelten Ländern mit relativ gut ausgestatteten Krankenhäusern der Bedarf an Intensivbetten und Beatmungsgeräten schnell deren Verfügbarkeit übersteigen kann.[10]

In Afrika gab es bis zur Covid-19 Pandemie keine eigene Produktion von Beatmungsgeräten.[11] Mit Beginn der Pandemie startete das südafrikanische staatliche Verteidigungsunternehmen „Denel“ sowie weitere Institutionen in Kenia und Senegal mit der Entwicklung von Prototypen (ebd.). Die behördlichen Zulassungen sind bisher jedoch auf die Zertifizierung von Importen beschränkt und es könnte daher Monate dauern, bis ein Prototyp zertifiziert und in Serie produziert werden kann (ebd.). Dabei stellt die Versorgung mit Sauerstoff ein weiteres Problem dar. Auch wenn ein Land über eine ausreichende Menge an Beatmungsgeräten verfügt, muss gleichzeitig die Infrastruktur mit Sauerstoff und geschultem Personal gewährleistet werden. Beispielsweise verfügt Kenia über fast 300 Beatmungsgeräte, leidet aber an einem kritischen Mangel an Sauerstoff (ebd.). Auf dem gesamten Kontinent versorgt ein Arzt durchschnittlich 80.000 Menschen.[12]

Durch die hohe Nachfrage und den Zusammenbruch von internationalen Lieferketten, kam es zu Beginn der Pandemie zu einer Knappheit an Beatmungsgeräten und zu einem Exportstopp von medizinischen Versorgungsgütern in mehreren Ländern, darunter die USA.[13] Das führte dazu, dass die Preise für diese Güter auf dem Weltmarkt stark anstiegen und ärmere Länder aus dem Markt gedrängt wurden, da diese nicht mit den Preisen und den ökonomisch stärkeren Ländern konkurrieren konnten.[14] Somit hatten Entwicklungsländer in Afrika kaum eine Möglichkeit, auf dem globalen Markt an knapp gewordene medizinische Güter, wie Ventilatoren, Sauerstoff oder Schutzausrüstung, in ausreichendem Maße zu gelangen.

Eine Studie zu sozioökonomischen Auswirkungen der COVID-19 Pandemie in 4 afrikanischen Ländern ergab, dass 77% der Haushalte erhebliche Einkommensverluste hinnehmen mussten und 20-25% der Haushalte keinen Zugang zu Medikamenten und Grundnahrungsmitteln hatten.[15] Zudem sank die Zahl der Kinder, die am Schulunterricht teilnahmen von 96% auf nur noch 17% (ebd.).  

Koordinierte globale Unterstützung ist angesichts der COVID-19 Pandemie unerlässlich. Dazu zählen konkrete Maßnahmen zur Unterstützung der Entwicklungsländer mit Coronavirus-Testkits, persönlicher Schutzausrüstung, Beatmungsgeräten und anderen lebenserhaltenden Geräten sowie die Sicherung des Zugangs zu Versorgungsgütern auf dem internationalen Markt.[16] Bis eine ausreichende Anzahl an Impfstoffen für die Entwicklungsländer zur Verfügung steht, sollte die Testkapazität und die Verfügbarkeit von Sauerstoffunterstützung in diesen Ländern erhöht werden, um die Ausbreitung der Infektion zu begrenzen und Auswirkungen auf die Gesundheit zu reduzieren.[17] Auf lange Sicht sollte eine gerechte und dauerhafte Bereitstellung von Impfstoffen und Versorgungsgütern in Ländern mit niedrigem Einkommen sichergestellt werden, um eine globale Lösung zur Eindämmung der Pandemie zu erreichen (ebd.). Dabei sollte ein individueller Länder-spezifischer Ansatz verwendet werden, unter Berücksichtigung der Empfehlungen der WHO.[18] Darüber hinaus bedarf es zusätzlicher Investitionen in die Entwicklungsländer, um die wirtschaftlichen und sozioökonomischen Folgen der Pandemie abzumildern und auf zukünftige Ausbrüche von Gesundheitskrisen vorzubereiten.[19]

 

Fußnoten

[1] „WHO, Coronavirus disease (COVID-19) Weekly Epidemiological Update. (2021)“.

[2] Solomon Hsiang u. a., „The Effect of Large-Scale Anti-Contagion Policies on the COVID-19 Pandemic“, Nature 584, Nr. 7820 (13. August 2020): 262–67, https://doi.org/10.1038/s41586-020-2404-8.

[3] World Bank, Global Economic Prospects, January 2021, Global Economic Prospects (The World Bank, 2021), https://doi.org/10.1596/978-1-4648-1612-3.

[4] Patrick G. T. Walker u. a., „The Impact of COVID-19 and Strategies for Mitigation and Suppression in Low- and Middle-Income Countries“, Science (New York, N.Y.) 369, Nr. 6502 (24. Juli 2020): 413–22, https://doi.org/10.1126/science.abc0035.

[5] „WHO, Coronavirus disease (COVID-19) Weekly Epidemiological Update. (2021)“.

[6] Moustapha Mbow u. a., „COVID-19 in Africa: Dampening the Storm?“, Science 369, Nr. 6504 (7. August 2020): 624–26, https://doi.org/10.1126/science.abd3902.

[7] Patrick G. T. Walker u. a., „The Impact of COVID-19 and Strategies for Mitigation and Suppression in Low- and Middle-Income Countries“, Science 369, Nr. 6502 (24. Juli 2020): 413–22, https://doi.org/10.1126/science.abc0035.

[8] Houreld u. a., „Virus exposes gaping holes in Africa’s health systems.“

[9] „OECD, Beyond Containment: Health systems responses to COVID-19 in the OECD“.

[10] Remuzzi und Remuzzi, „COVID-19 and Italy“.

[11] Houreld u. a., „Virus exposes gaping holes in Africa’s health systems.“

[12] „World Bank, Word Development Indicators“, 2021, https://data.worldbank.org/indicator/SH.MED.PHYS.ZS?end=2018&start=1960&view=chart. (Zugriff am: 13.05.2021)

[13] „World Trade Organization, Export prohibitions and restrictions.“

[14] Wafaa M. El-Sadr und Jessica Justman, „Africa in the Path of Covid-19“, New England Journal of Medicine 383, Nr. 3 (16. Juli 2020), https://doi.org/10.1056/NEJMp2008193.

[15] Anna Josephson, Talip Kilic, und Jeffrey D. Michler, Socioeconomic Impacts of COVID-19 in Four African Countries, Policy Research Working Papers (The World Bank, 2020), https://doi.org/10.1596/1813-9450-9466.

[16] El-Sadr und Justman, „Africa in the Path of Covid-19“.

[17] Walker u. a., „The Impact of COVID-19 and Strategies for Mitigation and Suppression in Low- and Middle-Income Countries“, 24. Juli 2020.

[18] „WHO, Operational considerations for case management of COVID-19 in health facility and community“, 19. März 2020, https://apps.who.int/iris/rest/bitstreams/1272399/retrieve. (Zugriff am: 13.05.2021)

[19] „OECD, Beyond Containment: Health systems responses to COVID-19 in the OECD“.

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